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Das psychotherapeutische Angebot des Studierendenwerks

Das Studium kann einem viel abverlangen. Manchmal auch so viel, dass man an seine Grenzen kommt und alleine nicht mehr weiterkommt. Sich helfen zu lassen ist nichts, für das man sich schämen muss – ganz im Gegenteil. Hilfe anzunehmen kann sich positiv auf unsere mentale Gesundheit auswirken. Man muss nicht immer alles allein schaffen. Unterstützung findet man beim Studierendenwerk. Genauer: Bei der psychologischen Beratung. Vier Psychologinnen beraten Studierende und Beschäftigte der 15 Hochschulen, für die das Studierendenwerk zuständig ist. Das Angebot ist kostenlos und anonym. Weder die Hochschule noch Krankenkassen erfahren, wer sich beraten lässt. Wir haben mit einer Psychologin der Beratungsstelle gesprochen. Was sie uns verraten hat, erfahrt ihr hier:

Marie-Theres Müller

Campus Falke: Wie schnell kann man bei der psychologischen Beratung einen Termin bekommen?

Marie-Theres Müller: Aktuell wartet man ungefähr drei Wochen auf einen Termin. Die offene Telefonsprechstunde, die es seit diesem Monat gibt (ab dem 16. Mai), hat die Funktion, dass wir auch in ganz dringenden Fällen erreichbar sind.

Campus Falke: Sie haben eben schon die Telefonsprechstunde erwähnt. Für welche Anliegen ist diese gedacht?

Marie-Theres Müller: Wie gesagt müssen unsere Beratungen bis zu drei Wochen im Voraus geplant werden. Deswegen versuchen wir uns ein Zeitfenster freizuhalten, in dem wir auch dringende Anliegen kurzfristig auffangen können. Man könnte sich zum Beispiel bei uns in der offenen Sprechstunde melden, wenn man am nächsten Tag eine Prüfung hat und so nervös ist, dass man sich nicht mehr konzentrieren kann oder darüber nachdenkt, gar nicht zur Prüfung zu gehen. Das ist natürlich nur ein Beispiel. In der offenen Sprechstunde prüfen wir, ob es sich um ein kurzzeitiges Problem handelt oder es Sinn ergibt, sich mal in Ruhe zusammen zu setzen. Wenn Studierende unsicher sind, ob sie sich melden sollen: lieber einmal zu viel anrufen und wir besprechen das. Manchmal hilft es auch einfach mal zehn Minuten mit uns über etwas zu sprechen. Die Formulare, die Ratsuchende normalerweise für die Beratungsgespräche ausfüllen müssen, muss man für die offene Telefonsprechstunde noch nicht ausfüllen – sie ist also ein sehr niedrigschwelliges Angebot für Studierende.

Die psychologische Beratung des Studierendenwerks ersetzt keine Langzeittherapie:
Campus Falke: Wie viele Termine dürfen Studierende wahrnehmen?

Marie-Theres Müller: Es gibt keine ganz genau festgelegte Anzahl an Terminen, wir versuchen sehr individuell auf die Studierenden und auf die aktuelle Lebenslage und das spezifische Problem einzugehen. Die Idee der Beratung ist allerdings schon, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Im ersten Gespräch sehen wir uns das Anliegen an und versuchen dann festzustellen, ob es im Rahmen der Beratung ausreichend bearbeitet werden kann oder ob wir eine Psychotherapie oder eine andere Anlaufstelle empfehlen. Dann besprechen wir, welche Möglichkeiten es gibt. Viele Anliegen können aber tatsächlich in ein oder zwei Gesprächen angegangen oder verbessert werden. In der Regel versuchen wir unter der Anzahl von Gesprächen zu bleiben, die eine Kurzzeittherapie beinhaltet (12 Sitzungen).

Campus Falke: Können Studierende über einen längeren Zeitraum zur Beratung kommen, wenn sie keinen Therapieplatz finden?

Marie-Theres Müller: Auch da sehen wir uns den individuellen Fall an. Es gibt Themen, bei denen es schon sehr dringend und akut ist. Es gibt aber auch oft Anliegen, bei denen man vielleicht schon länger mit dem Gedanken spielt, eine Psychotherapie zu machen, aber auch noch warten kann. Auf die Frage gibt es keine generelle Antwort. Wenn jemand schon mit dem Anliegen kommt, eine Psychotherapie machen zu wollen, sehen wir uns als Erstes alle Möglichkeiten an und prüfen, ob diese ausgeschöpft sind. Oft sind Ratsuchende auch einfach demotiviert, die Suche nach einem Therapieplatz kann wirklich anstrengend sein. Dann versuchen wir nochmal zu motivieren und Hoffnung zu machen. Je mehr man dranbleibt und je mehr man sich auf Wartelisten einträgt, umso höher ist eben die Wahrscheinlichkeit einen Therapieplatz zu finden. Garantieren, dass wir die Stunden bis zum Beginn der Psychotherapie überbrücken können, können wir nicht. Aber wir gucken, was wir anbieten können.

Beratungsraum der psychotherapeutischen Beratung des Studierendenwerks (1)

Campus Falke: Was raten Sie Studierenden, die keinen Therapieplatz finden?

Marie-Theres Müller: Wir empfehlen die Homepage der kassenärztlichen Vereinigung, da man dort auch sicher sein kann, dass es sich um niedergelassene und approbierte Psychotherapeut*innen handelt. Die muss man dann einzeln abtelefonieren. Gegebenenfalls ist es sinnvoll, sich an sogenannte Institutsambulanzen zu wenden. Das sind Ambulanzen, die an Ausbildungsinstitute für Psychotherapie angegliedert sind. Dort bekommt man in der Regel – zumindest für die Vorgespräche – einen Platz. Die Vorgespräche finden üblicherweise mit zwei verschiedenen Personen statt: Einmal mit jemandem in Ausbildung, einmal mit jemandem von der Institutsleitung. In Absprache mit beiden kann dann eine Diagnose gestellt und ein weiteres Therapieverfahren empfohlen werden.

Campus Falke: Wann sollten Studierende die psychologische Beratung in Anspruch nehmen?

Marie-Theres Müller: Die Probleme der Studierenden sind sehr unterschiedlich und es gehört auch irgendwie zu einem normalen Alltag, mal gestresst zu sein. Wir empfehlen aber immer sich zu melden, wenn man das Gefühl hat, dass etwas zum Problem wird oder man sich einfach nicht gut mit einem Thema fühlt. Da gibt es auch keine „zu kleinen“ Probleme, man kann immer bei uns vorbeikommen. Wir empfehlen außerdem, immer frühzeitig zu kommen: Zu früh ist immer besser als zu spät. 

Campus Falke: Wer erfährt davon, wenn ein*e Student*in die Beratung in Anspruch nimmt?

Marie-Theres Müller: Die Gespräche bei uns sind streng vertraulich. Alle unsere Mitarbeiter*innen unterliegen der Schweigepflicht. Das bedeutet, dass die Daten an niemanden weitergegeben werden. Weder an die Hochschule, noch an sonst jemanden. Auch nicht an die Krankenkassen.

Campus Falke: Wie viele Studierende und Beschäftigte nutzen die psychologische Beratung des Studierendenwerks?

Marie-Theres Müller: 2020 waren insgesamt 650 Ratsuchende bei uns, mit denen 1.646 Beratungsgespräche geführt wurden. Die Beschäftigten der Hochschulen machen dabei nur einen geringen Teil aus. 2021 sind die Zahlen der Ratsuchenden gestiegen. Das liegt aber auch daran, dass unsere langjährigen Kolleg*innen (die die Beratungsstelle 35 Jahre lang geleitet haben) Ende letzten Jahres in Rente gegangen sind und es kurzzeitig eine Überschneidung gab, sodass wir zu viert waren und mehr Beratungen anbieten konnten.

Beratungsraum der psychotherapeutischen Beratung des Studierendenwerks (2)

Campus Falke: Während der Pandemie kann auch eine Videoberatung in Anspruch genommen werden. Wird das beibehalten?

Marie-Theres Müller: Ja, wir werden das als Möglichkeit beibehalten. Zu Beginn gab es manchmal noch Hemmungen, die Videoberatung in Anspruch zu nehmen, aber wir haben doch gute Erfahrungen damit gemacht. Es gibt einfach Situationen, in denen das auch sehr praktisch ist. Wenn jemand zum Beispiel gerade ein Auslandssemester macht oder der Weg nach Stuttgart zu lang ist. Wir betreuen ja mehrere Hochschulen, da kann der Weg auch mal sehr lang sein. Aktuell haben wir das Gefühl, dass der Wunsch nach Beratungen in Präsenz wieder sehr groß ist.

Campus Falke: Wie wird die psychologische Beratung des Studierendenwerks finanziert?

Das Land unterstützt die acht Studierendenwerke in Baden-Württemberg mit einer jährlichen Finanzhilfe, damit sie ihren gesetzlichen Auftrag erfüllen können. Diese Finanzhilfe trägt unter anderem dazu bei, dass wir Studierenden eine kostenfreie psychotherapeutische Beratung anbieten können – genauso wie eine kostenfreie Rechts- und Sozialberatung. 

Campus Falke: Wie sehen Sie die Zukunft der psychologischen Beratung? Haben Sie Wünsche?

Marie-Theres Müller: Dieses Jahr wurde die Beratungsstelle um zwei Stellen aufgestockt: Eine Kollegin hat bereits mit 50% im April begonnen, die zweite Anfang Mai. Das ist eine sehr gute Entwicklung. Ich hoffe, das wird beibehalten oder sogar ausgeweitet. Es ist einfach sehr schwierig in unserem Gesundheitssystem in akuten Krisen schnelle psychotherapeutische Unterstützung in Praxen zu bekommen. Wir versuchen das mit unserem Beratungsangebot zumindest für Studierende aufzufangen.

Anna Fritz

Fotos: Studierendenwerk Stuttgart